Correspondence with Edith Maryon
1912–1924
GA 263
Translated by Steiner Online Library
34
Edith Maryon to Rudolf Steiner
Sculptor's studio, Goetheanum
Dornach, 21 Dec. 1919
Dear and esteemed teacher,
My life here has become quite different. I spend my time between the large and small Lucifer figures (one hopes that this does not lead to all kinds of fanciful thoughts and qualities?) The head of the small Lucifer is tilted so far forward that it is difficult to carve. I have already chipped away almost too much of the nose – but it can be repaired. Our studio looks very empty and abandoned, as if no one had worked there in a month.
I had a long talk with Mrs. Wedgwood about the people she has encountered – she is much less judgmental than I am and says that if you haven't lived through it yourself, you can hardly imagine how incredibly ugly and difficult it was in England during the war, and that the few hundred people who more or less understood the real significance of this war really went through a dreadful time. The whole air there is poisoned and polluted with lies, and people who had to hold themselves upright in such an atmosphere without any support or help, in the middle of a crowd of people who showed hostility as soon as it became known that someone was a pacifist – and feeling depressed by the horror of this war – really had a terrible time. She thought that many could not have held out if they had seen everything. That's why she has hope for these people, who at least want to hear, while the others are blind, deaf, and hostile to all other thoughts. Nevertheless, I think that one can easily understand what it looked like there, even without being there.
Dec. 22: Today I was at the key issues working group in the reading room. It was actually quite interesting, mainly a little speech by Mrs. W[fedgwood], which was clearly expressed, with a bit of humor, etc. The topic was capital. The questions were sometimes amusing. Mr. Monges wanted to know whether a dentist sold his work in exactly the same way as the day laborers and [that] could hardly understand the difference, and said he must feel like a slave
Mrs. Drury-Lavin spoke of the contentment and piety she had found among the English agricultural laborers and could not understand how they could belong to a bygone age that had no future. Both questions were asked in a very characteristic way.
I am looking forward to the public lectures in Basel.
With warm regards
Edith Maryon
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Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Dornach, 21. Dez. 1919
Sehr verehrter lieber Lehrer,
es ist ein ganz anderes Leben hier geworden, meine Zeit verteilt sich zwischen dem großen und kleinen Lucifer, (es ist dabei zu hoffen, daß man dadurch nicht allerlei phantastische Gedanken und Qualitäten entwickelt?) Der Kopf des kleinen Lucifer ist so stark nach vorn geneigt, daß er sich schwer schnitzen läßt, ich habe ihm schon fast ein Stück zuviel von der Nase weggeschlagen - es läßt sich aber ausbessern. Unser Atelier sieht sehr leer und verlassen aus, als ob man seit einem Monat dort nicht gearbeitet hätte.
Mit Mrs. Wedgwood hatte ich ein langes Gespräch über die angetroffenen Menschen - sie urteilt viel weniger scharf wie ich und sagt, daß, wenn man es selbst nicht mitgemacht hat, man kaum eine Vorstellung haben kann, wie unglaublich häßlich und schwierig es war in dem jetzigen England, und daß die paar hundert Menschen, die mehr oder weniger durchschaut haben, was in Wirklichkeit dieser Krieg für eine Bedeutung hat, wirklich eine schauderhafte Zeit durchgemacht haben. Die ganze Luft dort ist vergiftet und verpestet mit Lügen, und Menschen, die sich aufrecht zu halten hatten in solch einer Atmosphäre ohne irgendwelche Unterstützung oder Hilfe, mitten drinnen unter einer Menge Menschen, die sich feindlich zeigten, sobald bekannt geworden war, daß jemand Pazifist ist - und sich niedergedrückt zu fühlen durch die Empfindung von der Abscheulichkeit gerade dieses Krieges -, hatten wirklich eine schreckliche Zeit durchzumachen. Sie meinte, viele hätten nicht aushalten können, wenn sie alles durchschaut hätten. Dadurch hat sie Hoffnung für diese Leute, die wenigstens hören wollen, während die anderen blind, taub und feindlich gesinnt sind allen anderen Gedanken gegenüber. Ich meine trotzdem, daß man ganz gut begreifen kann, wie es dort aussah, auch ohne gerade dort zu sein.
22. Dez. Heute war ich bei der Kernpunkte-Arbeitsgruppe in dem Lesezimmer. Es war eigentlich ziemlich interessant, hauptsächlich eine kleine Rede von Mrs. W[fedgwood], die klar ausgedrückt war, ein bißchen Humor dabei usw. Thema: Kapital. Die Fragen waren manchmal amüsant. Mr. Monges wollte wissen, ob nicht ein Zahnarzt seine Arbeit in genau derselben Weise verkauft wie die Tagesarbeiter und [der] könnte kaum den Unterschied begreifen, und meinte, er müßte sich doch wie ein Sklave
fühlen. Mrs. Drury-Lavin sprach von der Zufriedenheit und Frömmigkeit, die man in England findet bei den Arbeitern auf dem Lande und konnte nicht ganz einsehen, daß sie eigentlich einem vergangenen Zeitalter angehören, das sich nicht weiter fortsetzen kann. Beide Fragen waren sehr charakteristisch gestellt worden.
Ich freue mich auf die öffentlichen Vorträge in Basel.
Mit herzlichen Grüßen
Edith Maryon